Vom Umgang mit Autoritäten. Oder: Welche Sau treiben wir heute durchs Dorf?

Nun werden im Plenarsaal des Reichstages die Stühle für die 15. Bundesversammlung gerückt, die am kommenden Sonntag, 18. März 2012 zusammentritt und vielleicht ist es 27 Tage nach dem Rücktritt von Bundespräsident Wulff an der Zeit, sich den Schaum vom pöbelnden Mundwerk zu wischen, inne zu halten und sich zu fragen, wie wir als Gesellschaft in Gänze mit Autoritäten umgehen?

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Wir müssen uns offenkundig die Frage stellen, da nicht nur unser Umgang mit dem höchsten Amt in unserer Republik zu wünschen übrig lässt. Es zeigt sich Land auf, Land ab, dass es einen Unterschied zwischen mündigen Bürgern und ungehobelten Klötzen ohne jeden Respekt gibt.

In unserer Gesellschaft haben wir augenscheinlich ein Problem mit Respekt im Allgemeinen und Probleme mit Respekt gegenüber Autoritäten im Speziellen. Das zeigt sich ganz eindrucksvoll und in beschämender Weise mit unserem Umgang mit dem Staatsoberhaupt. Selbstverständlich müssen wir das Staatsoberhaupt nicht gottgleich Verehren und natürlich kann und darf man auch berechtigte Kritik äußern. Sachliche Kritik hat nichts mit mangelndem Respekt dem Amt gegenüber zu tun. Aber es gibt Grenzen. Diese Grenzen sind von vielen überschritten und von nicht wenigen geschleift worden. Erziehung, Anstand und ein Mindestmaß an Stil- und Taktgefühl zeigen dem mündigen Bürger diese Grenzen auf. Diese Grenzen existieren unabhängig der Person und bezieht sich auf das Amt. Ich gebe offen zu, dass der Kandidat Wulff nicht mein Kandidat war. Das hatte viele Gründe, spielt aber keine Rolle. Denn mit der Wahl wurde aus dem Kandidaten Christian Wulff der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland und somit auch mein Präsident. So wird es auch bei Joachim Gauck sein, der damals und heute auch nicht meine erste Wahl ist. Aber er wird unser aller Präsident, das haben bei Christian Wulff viele Vergessen.

Selbstverständlich ist Herr Wulff unterm Strich an seiner Situation selbst schuld, aber das entwürdigende Tamtam um seine Ruhebezüge war für uns alle beschämend und hat aller Welt mal wieder das Bild des neidisch vergrämten Deutschen gezeigt. Der „Bundespräsident außer Dienst“ ist nicht irgendeine Schießbudenfigur sondern war bis zum Ende seiner Amtszeit unser aller Staatsoberhaupt und auch den ehemaligen Staatsoberhäuptern sollten wir alle ein Mindestmaß an Respekt entgegen bringen. Das gebietet die Würde vor dem Amt ohne Ansehen der Person. Da werden unsägliche Vergleiche mit der Kassiererin Barbara E. besser bekannt als „Pfandbon-Emmely“ durch den Blätterwald und soziale Netzwerke gejagt. Beschämende Demonstrationen aufgeführt, an das „gesunde Volksempfinden“ (guter alter Nazi-Jargon) appelliert und die feierlichste Zeremonie unserer Streitkräfte in ungehöriger Art und Weise gestört. Ich schäme mich für dieses Betragen. Alexander Görlach (theeuropean.de) formulierte es sehr treffend: „[…] Die Formalia für den Ehrensold, nennen wir es weniger pathetisch das Ruhegeld, sind im Falle Christian Wulffs erfüllt. Das hat das Bundespräsidialamt entschieden. Es geht bei diesem Verfahren um die Anwendung von Regeln und nicht um ein affektgeladenes Lynch-Empfinden der Masse. Sollte der Bundespräsident verurteilt werden, auch das wird im Rechtsstaat nicht durch die Akklamation des Mobs festgestellt, sondern durch ein ordentliches Gerichtsverfahren entschieden, wird er diesen Ehrensold verlieren. Weil es die Regeln so wollen. Der Begriff der Ehre im Sold ist die Wurzel des Übels der aktuellen Diskussion. Ob man Ehre hat oder nicht, ist keine Frage, die über finanzielle Bezüge bestimm- oder rückkoppelbar ist.“

Wir müssen uns auch fragen, was für Menschen wollen wir im höchsten Staatsamt? Jeder mit einer Biographie wird einen Bogen um dieses Amt machen, da er Gefahr läuft bei erstbester Gelegenheit vom Mob wie ein mutmaßlicher Pferdedieb am nächsten Baum aufgeknüpft zu werden. Bundesminister a.D. Joseph Martin Fischer habe auf die Frage, ob er nicht für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung stehe geäußert: „Nein, er sei sicher den moralischen Ansprüchen die neuerdings an dieses Amt gestellt würden, nicht entsprechen zu können, denn da müsse man ja inzwischen übers Wasser wandeln können und sich dann noch fragen lassen, ob man sich diese Fähigkeit habe subventionieren lassen.“

Aber kommen wir wieder zum Respekt. In was für einer verkommenen Welt leben wir eigentlich, dass wir jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben müssen? Politiker-„Bashing“ gehört für viele zum „guten Ton“, ohne zu wissen wie viel Leistung hauptamtliche Politiker bringen und wie viel private Entbehrungen sie in Kauf nehmen für relativ geringes Entgelt, dass ihnen auch noch geneidet wird. Vergessen wir nicht die abertausend ehrenamtlichen Politiker, die ihre Freizeit für das Gemeinwohl opfern und dafür auch mehr Häme als Lob erhalten. Diese Gesellschaft greift Polizisten an, verletzt und behindert Rettungskräfte. Das kann nicht richtig sein. Wir müssen umdenken und uns nach den Gründen fragen.

Guten Tag Berlin.

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

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