Lord Kacke. Oder: Von falschen Gräfinnen und ähnlichen.

Als nach dem Ende der Monarchie der ehemalige deutsche Adel „abgeschafft“ wurde, hat sich kaum etwas geändert. Das soll gar keine Wertung sein, aber den Nimbus, den viele Namen haben besteht bis heute. Im Grunde waren die meisten Standesvorrechte ohnehin im Zuge der Preußischen Reformen abgeschafft worden.

Die Titel-„Geilheit“ haben Reichsdeutsche und Österreicher mit akademischen Graden und dem Stand des Reserve-Offiziers kompensiert. Wem der „Herr Leutnant“ oder der „Herr Magister“ nicht reicht, für den den gibt es die ein oder andere Möglichkeiten, wobei – mit Ausnahmen – beide hochnotpeinlich sind und sich in der Rechtsnatur und im Preis unterscheiden.

Aber wie komme ich auf dieses obskure Thema: 1. Eine E-Mail, die ich kürzlich lesen musste und 2. ein Tweet am vergangenen Mittwoch auf dem Hessenfest in Berlin:

Beginnen wir mit 1. der E-Mail: Vor kurzem erhielten wir im Büro eine E-Mail. Das ist bei der Menge an elektronischer Post die bei uns täglich aufschlägt zunächst nichts ungewöhnliches. Inhaltlich war sie auch nicht der große Wurf. Sie war jedoch unterzeichnet mit:

Erika Musterfrau
Gräfin von Hindenburg

Irgendwie kam mir das merkwürdig vor, denn: es gibt zwar die Herren von Beneckendorff und von Hindenburg, das sind aber keine Grafen. Kurzum: Es gibt keine Grafen Hindenburg. Eine kleine google-Recherche hat dann nach nur wenigen Sekunden das Rätsel gelöst. Diesen ominösen „Titel“ „Gräfin von Hindenburg“ gibts bei ebay im Sofortkauf für schlanke 29,80 EUR. Da fällt einem nichts zu ein.

Im Zuge des Hessenfestes las ich obigen Tweet und bei dem Namen „von Anhalt“ wird man ja auch hellhörig, da die meisten Träger dieses Namens im Boulevard-Journalismus unrühmliche Erwähnung finden und mit dem echten Haus Anhalt-Askanien – sagen wir es mal vorsicht – sehr wenig gemein haben. Und siehe da: Bingo. Der Prinz Ferdinand ist einer der illustren Adoptivsöhn von Hans-Robert Lichtenberg, dem Ehemann von Zsa Zsa Gábor; besser bekannt als Frédéric Prinz von Anhalt.

Lieber Hessischer Rundfunk, der „Junge aus Guxhagen“ ist kein Adliger. Er ist von jemandem, der einen adligen Namen führt adoptiert worden. Auch Frédéric ist kein Adliger, er trägt durch Annahme an Kindes statt einen adligen Familiennamen. Geballte Unkenntnis trifft falschen Adel.

Zu den Internet-Grafen und zu dem Prinzen Ferdinand weiland Markus Wölfert empfehle ich einen Beitrag des ZDF, der eigentlich alles sagt.

Da stellen sich mir nur ein paar Fragen:

Was sagen den die Eltern von Herrn Wölfert, wenn sie solche Aussagen Ihres Sohnes im Fernsehen schauen?

Wie erklärt man das seinen Eltern, dass die eigene Familie nie gut genug für einen war?

Was hat Familie Wölfert denn zu diesem Bild gesagt?

Screenshot. Quelle: http://www.prinzferdinand.com/familie.html

In welchen Kreisen öffnen sich denn Türen für vom Adoptierten-Adoptierte?

Welche Türen öffnen sich für 29,80-EUR-Internet-Grafen?

Jeder, der auch nur rudimentäre Kenntnisse über den historischen deutschen Adel hat, wird das sofort durchschauen und nicht ernstnehmen?

Glauben Sie wirklich nun dem „Adel“ anzugehören?

Liebe Gräfin Hindenburg, ist es Ihnen nicht peinlich in E-Mails an Bundestagsbüros mit Ihrem Operetten-Titel, der nachweislich ausgedacht ist (das sagt sogar der Anbieter: „den von 4micromax geschaffenen Namen „Graf von Hindenburg“ und „Graf von Löwenstein“ zu zeichnen?

Mit diesem Fake-Adel kann man vieleicht die Einfältigen beeindrucken, aber ein Hans Mustermann bleibt Hans Mustermann, auch wenn er sich Prinz von Schnudi nennt. Der Volksmund sagt: „Bauer bleibt Bauer, auch wenn er auf seidenem Kissen schläft“. Bei einem gebildeten Menschen, bei Angehörigen alter und traditionsreicher Stände – seien sie nun Bürgerlich oder gehören den ehemaligen Adel an – wird so ein eitler Federputz aus fremden Federn nur ein verächtliches Naserümpfen hervorbringen.

Auch die Grafen Koks von der Gasanstalt, Rotz von der Popelsburg und Lord Kacke werden sie wohl niemals im Gotha finden. In diesem Sinne wünsche ich noch einen schönen und gesegneten Sonntag. Hurra!

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

2 Kommentare

  1. Umfangreicher Lesetipp zum Thema: »Scheinadel« durch Annahmen an Kindesstatt
    Der Aufsatz von C.H. Bill erschien zuerst gedruckt in der Zeitschrift Nobilitas, Jahrgang X., Sonderburg 2007, Folgen 46 und 47, Seiten 58-134
    […] Während nun die Problematik des »Scheinadels« an sich nichts primär Neues darstellte, weil es das Rechtsinstitut der Adoption schon lange Zeit vor 1918 gab, so entwickelte sich dieser Umstand doch gerade erst mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900 sowie mit der Verwandlung der Adelsbezeichnung zum bloßen Namensbestandteil im Jahre 1919 zu einer für den Adel als bedrohlich empfundenen Situation. Es ist daher hilfreich, sich die Stellung und Bedeutung der Adoptionsfrage in der Vergangenheit des deutschen Adels genauer zu besehen. […]
    http://home.foni.net/~adelsforschung2/adelsadoption.htm

  2. Pingback: Werter Herr Glööckler, nicht jede Frau kann ein Prinzessin sein. | Bahngezwitscher

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