Interview in kurzen Hosen.

Da schaut man schnell mal was es so neues auf Twitter gibt und dann erwähnte #HerrBergmann, dass es ein ellenlanges Youtube-Video mit der Abgeordneten Dagmar Wöhrl gibt.

Ohne Schlimmes zu ahnen, klicke ich auf dieses Link und dann macht sich meine Youtube-App auf dem Telefon auf und ich sehe schlimme Dinge. Ich höre eigentlich gar nicht mehr hin. Da steht ein hemdsärmeliger Knabe und interviewt vor dem Reichstag ein Mitglied des Deutschen Bundestages in kurzen Hosen. I break together.

2013-06-08 Dagmar WöhrlIch kenne weder den Herrn Tilo Jung noch das Format „Jung & Naiv“ aber es ist zu tiefst unschicklich mit Händen in der Hosentasche und zudem in kurzen Hosen eine ein Mitglied eines Verfassungsorgan zu interviewen – von dem frechen Tonfall mal ganz abgesehen.

Die kurze Hose (Shorts) ist dem Hochsommer mit seinen hohen Temperaturen vorbehalten. Sie gehört jedoch nur auf das Land, an den Strand, auf ein Boot, in den eigenen Garten und – vielleicht – auf den Tennisplatz, obwohl man im »Gebrauchstennis« bereits wieder die für Männer kleidsamere lange weiße Hose bevorzugt. Auf die Straßen einer Stadt passen Shorts keinesfalls! – Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 177.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in anderen Ländern sicher nicht üblich ist irgendwen in kurzen Hosen zu interviewen. Selbst in warmen Ländern sind Herren in der Öffentlichkeit vollständig angezogen. Auch wird ein Interview vor dem Capitol in Washington D.C. mit The Hon. Congresswoman Jane Q. Citizen sicher nicht möglich sein.

Frau Wöhrl wird es dem Knaben sicher nicht übel genommen haben. Aber darum geht es gar nicht. Es geht auch nicht um die „Würde des Hohen Hauses“, es geht um Stil und Anstand. Zu den Stichworten Entbürgerlichung und Verfreizeitung der Herrenmode wurde sich an verschiedener Stelle schon ausgelassen.

Dann kommt noch dazu, dass man Menschen beim Gespräch nicht in die Tasche springt. Es gibt sowas wie eine Intimspähre, die im ÖPNV oder auf Heavy Metall-Konzerten eine andere ist als unter „normalen“ Bedingungen. Auch ist der Intimabstand bei Westdeutschen größer als bei Ostdeutschen. Jedoch sollte man seinen Interviewpartnern nicht so auf den Pelz rücken.

Vollständig angezogen, angemessener Abstand und Sprache und dann klappts auch mit dem Interview, aber vielleicht habe ich das „Format“ auch einfach nicht verstanden. Guten Abend Berlin.

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

23 Kommentare

  1. maltere

    Ganz richtig. Sie haben das Format nicht verstanden.

  2. Der Gilb

    Ihnen ist schon klar, dass das Buch, aus dem Sie zitieren fast 60 Jahre auf dem Bucke hat, ne? In der Zeit kann sich vieles tun.

    • Vielen Dank für den Hinweis, aber es wandelt sich nicht alles zum Guten, werter Gilb.

      • Bernhard

        Mit welcher Rechtfertigung setzen sie aber das, was 1956 in einem Buch als Modestandard bezeichnet wird (zu glauben, dies wäre 1956 gang und gäbe gewesen, ist doch etwas naiv), dann als Nonplusultra, selbst für heutige Verhältnisse fest?

      • Kraft eigener Wassersuppe und seit damals hat es bei der Herrenbekleidung keine wirklich großen Änderungen gegeben. Krawatten sind mal schmaler, mal breiter, Hosen, Revers und Hemdkragen auch. Grundlegend hat sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts nichts geändert.

  3. Patrick Bumgarner

    Das ist ja schrecklich. Wer weiß was als nächsten kommt. Interview Oberkörperfrei? Mir wird schlecht. Vielen Dank für diesen Fund.

    Danke auch für den Buchtipp „Das Buch der Etikette“ kannte ich noch gar nicht. 1956 scheint mir ein geeigneter Zeitpunkt um den Zeitgeist der Mode und des Anstands festzulegen. Leider gibt es das Buch nur noch gebraucht. Ich denke aber, es ist eine vernünftige Anschaffung. Das kann ich dann meinen Enkeln vererben, damit die auch im Jahre 2100+ mit Anstand und Stil leben können.

  4. Daniel Bröckerhoff

    Sehr geehrter Herr Hannig,

    Ich kann Sie in Ihrer abschließenden Vermutung bestätigen: Sie haben das „Format“ nicht verstanden.

    Hochachtungsvoll (in langen Hosen, jedoch bedauerlicherweise in Sportschuhen),

    Daniel Bröckerhoff

  5. Ironie oder einfach nur prüde (nennen wir es mal German „Correctness“)?
    Was sagt denn die Art der Kleidung über die Qualität des Interviews aus? Nichts. Das ist oberflächlich.

    • Liebe Frau Mlinzk,
      abgesehen von der Ur-Funktion der Kleidung, also dem Schutz vor Kälte und Witterungseinflüssen, hat Kleidung noch eine weitaus wichtigere Funktion: Sie bietet die Möglichkeit sich zu schmücken und persönliche Werte zu unterstreichen. Durch die Wahl der Kleidung gibt der Träger bewusst oder unbewusst Auskunft über seine soziale Stellung. Dies erfolgt durch eine gesellschaftliche Codierung kultureller, ästhetischer oder sozialer Art. Kleidung ist folglich ein Teil der nonverbalen Kommunikation und die gesellschaftliche Codierung ist die Voraussetzung für die Identifizierbarkeit der sozialen Identität von Interaktionspartnern.
      Beste Grüße und Hurra
      JC

      • Bernhard

        Lieber Herr Hannig, willkommen im 21. Jahrhundert! Gestehen Sie nicht zu, dass sich Werte und Geschmäcker im Laufe der Zeit ändern können? Außerdem vollführen Sie mit ihrer Argumentation in logischer Hinsicht einen klassischen Seins-Sollens-Fehlschluss: Von einer Menge deskriptiver Aussagen kann nicht auf eine normative geschlossen werden.

      • Mann, oh Mann – der Sommer macht es ihm nicht leicht. Doch trotz hoher Temperaturen gilt: Im Arbeitsleben müssen Männer lange Hosen tragen. Ein Gespräch mit dem Berliner Stil-Experten Bernhard Roetzel.

        „Auch wenn der Chef kurze Hosen trägt, darf man ihn nicht automatisch als Vorbild sehen. Das muss man abklären“, sagt Stil-Experte Bernhard Roetzel. Kurze Hosen sind seiner Ansicht nach etwas für die Freizeit – und nur dafür. Dabei zeigen aktuell viele Hersteller Anzüge mit Hemd und Krawatte – und eben kurzen Hosenbeinen. Roetzel kann dem aber wenig abgewinnen: „Das wirkt albern und ist spießig“, sagt er. „Das ist in Ordnung in tropischen Breitengraden, auf Jamaika etwa – aber hier bei uns gibt es klimatisch keinen Grund, warum wir kurze Hosen unbedingt bürotauglich machen müssten.“
        http://www.sueddeutsche.de/karriere/kleiderordnung-im-buero-die-hose-bleibt-an-1.1098541

  6. Jan

    Wie kann man den innerhalb eines Beitrags „I break together“ schreiben und ein paar Sätze später angemessene Sprache fordern?

    • „I break together“ ist doch ein famoser und humorvoller Ausdruck.

      • Daniel Bröckerhoff

        Nein, das ist ein verballhorntes Englisch, das wohl „jugendlich-spritzig“ wirken soll und mit dem Sie vermutlich bezwecken, Ihren kleinlichen Einlassungen eine humoristische Note zu verpassen, was Ihnen hervorragend mißlingt und mit dem Sie Ihre gesamte Argumentation konterkarieren.

      • Werter Herr Bröckerhoff, auweia und mitnichten.

  7. Carina

    Sehr geehrter Herr Hannig,

    ich finde Ihren Blog wirklich einladend zu diskutieren, da sie zu „Alttäglichem“ kommentieren.

    Deshalb möchte ich einen Kommentar hinzufügen.

    Die Idee von Jung & Naiv ist es Politik leicht verständlich zu machen. Finden Sie dies besonders als
    Politikwissenschaftler nicht eine fördernswerte Initiative v.a.diejenigen zu erreichen die kein Interesse an Zetungslesen oder aus sonstigen Gründen nicht viel vom Tagesgeschehen etwas mitbekommen mit Jung&Naiv zu erreichen ?

    Dann stellt sich nämlich die Frage wie „Desinteressierten“ Geschmack auf Politik gemacht wird!
    Und diese Frage ist gar nicht so einfach..
    Wie sie selbst anmerken „ellenlanges Interview“ ist die Länge vielleicht bei diesem Interview von Jung&Naiv eher negativ auswirkend auf die Verständlichkeit und Kohärenz.

    Wenn man sich nun das weitere Ziel „Geschmack auf Politik machen“ vor Augen führt, dann stellt sich nämlich die Frage ob das Ziel nicht mit dem Abweichen von der Norm, einem etwas leger gekleideter Journalist, der die Distanz zwischen Interviewten und Interviewer einmal etwas zu brechen scheint, allein erst das Interesse von denjenigen weckt die bisher weniger vom Tagesgeschehen und Diskussionen mitbekamen.

    Vielleicht ist Ihnen nämlich aufgefallen,dass ein(e) Politiker(in) in dieser Konstelation anders plaudert als in einem herkömlichen Interview.

    Also meine Ermunterung an sie auch zu hinterfragen ob es nicht auch einmal Positiv sein kann nicht wie die Masse gekleidet zu sein. Und auch zu hinterfragen warum ein Anzug getragen werden sollte ? Ob ein Journalist nicht in Hemd und Hose einen ebenso qualitatives Interview führen kann wie mit Anzug ?

    MfG

    • Liebe Carina, da ich Ihren Nachnamen nicht kenne, hoffe Sie sehen mir diese vertrauliche Anrede nach.
      Vielen Dank für Ihren interessanten und aufschlußreichen Kommentar. Ich habe mir heute mal die Zeit genommen und mir das Projekt „Jung & Naiv“ mal etwas ausführlicher zu gemühte geführt. Im Grunde muss ich Ihnen ja in vielen Punkten recht geben und ich bin auch sicher nicht die Zielgruppe des Formats. Sicher ist das eine Möglichkeit Desinteressierten Politik näher zu bringen. Auch das ein oder andere Format im Privat-TV ist für einige Bevölkerungsgruppen quasi „Bildungsfernsehen“. Aber man kann auch siezend ein frisches Interview führen und einen Anzug habe ich gar nicht verlangt. Aber kurze Hosen sind eigentlich auch heute der Freizeit und den entsprechenden Lokalitäten vorbehalten. Nur weil viele mit Badelatschen und Co. durch den Großstadtdschungel schlappen, muss das ja nicht gut und schicklich sein. Es gibt nur eine Steigerung zur kurzen Hose: die 3/4-Hose, die an Männern einfach nur lächerlich ausschaut.
      Beste Gruße und Hurra
      JC

      • Liebe Carina, lieber JC,
        wer ist denn die Zielgruppe dieses Kanals, frage ich mich seitdem ich das Projekt das erste Mal sah. Und vielleicht noch wichtiger: Schaut die anvisierte Zielgruppe diesen Kanal auch?

        Alle Fragen sind selbstverständlich unabhängig von der Länge jedweder Hosen.

      • Das würde mich ja auch brennend interessieren.

  8. Finde es interessant, wie sich hier die Diskussion an den kurzen Hosen entzündet hat. Das mit der Intimspähre scheint mir der validere Punkt zu sein. Ist mir beim Schauen auch aufgefallen, kann aber auch nur ein falscher Eindruck sein.

    Davon abgesehen finde ich das Format super. Bin dabei, seit ich es früh bei Krautreporter unterstützt habe. Obwohl ich sicherlich NICHT politisch desinteressiert bin. Lieber ein Jung in Shorts als ein Lanz im Anzug. „Stil und Anstand“ lassen sich nicht (nur) an der Länge der Hosenbeine festmachen.

    Viele Grüße!

  9. Meine unmaßgebliche Meinung zu diesem Thema: Nichts ist flüchtiger als der Modegeschmack. Lange verpönt, heute sind kurze Hosen wieder in!

    Und sooo unschicklich finde ich die kurze Hose des Interviewers gar nicht… Kurzum: KEIN Stilbruch!

  10. ich glaube der lampersdoof will uns nur ver-gesäß-en

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