Der gute Ton im ÖPNV. Teil II: Die 1950er Jahre

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Die Mehrzahl der Menschen, und besonders der arbeitenden Menschen, ist im Stadtverkehr auf die Benutzung von Straßenbahn, Autobus und ähnlichen Verkehrsmitteln angewiesen. In den Hauptverkehrszeiten ballen sich die Menschenmassen, ein jeder kennt nur ein Ziel – mitzukommen und, wenn irgend möglich, einen Sitzplatz zu ergattern. Leider wird dieses Ziel von einer bestimmten Kategorie unserer Zeitgenossen recht rücksichtslos verfolgt. Nirgends sind Charakterstudien aufschlußreicher als in Straßenbahn und Omnibus. Wie kaum sonst scheiden sich hier die Flegel von den Kavalieren.

So verständlich es ist, wenn jemand nach langem Arbeitstag nicht auch noch auf der Heimfahrt stehen möchte, so sollte ein jeder doch bedenken, daß andere das gleiche Bedürfnis haben – und diese anderen vielleicht älter, gebrechlicher und nicht mehr ganz gesund sind. Vergessen wir niemals, daß die Härte der vergangenen Zeit heute noch viele in einem Alter zur Arbeit zwingt, in dem sie früher längst von der Last des Lebens ausgeruht hätten.

Überwinden wir uns selbst! Sparen wir uns den so unschönen Trick mit der Zeitung, in die man sich vertieft und dann so tut, als sähe man das alte Mütterchen, den alten Mann nicht, die neben uns stehen und große Mühe haben, sich auf den Beinen zu halten. Und den Körperbehinderten, der sich apathisch auf seine Prothese stützt und längst gewöhnt ist, daß man sein Opfer vergessen hat. Die Mutter, die mit Kind, Handtasche und Paket kaum weiß, wie sie an ihr Fahrgeld herankommen soll. Sollten wir in all diesen Fällen nicht schnell und freudig aufstehen, dem anderen unseren Platz anbieten und insgeheim dem Schicksal danken, das uns gesund erhielt? Ist nicht das dankbare Lächeln aus alten, runzligen Augen tausendmal mehr wert als die Bequemlichkeit unseres Sitzplatzes? Auch hier, im nüchternen, dichten Verkehr des Alltags, können wir Freude spenden – uns und anderen. Und wenn es uns gar zu schwer fällt, uns zugunsten anderer ein wenig zu beschränken, dann mag uns die Vorstellung helfen, daß neben uns unsere Mutter, unser Vater stünde – und wir werden in Gedanken an sie gern und freudig Platz machen.

Es muß nicht so sein, wie ich es kürzlich erlebte: Ich stand in einer überfüllten Straßenbahn, neben mir tauchte ein altes Mütterchen auf, das die 70 sicher schon überschritten hatte. Zur Rechten saß ein sehr junger Mann, die Zigarette im Mundwinkel, und las den Sportteil einer Zeitung. Zur Linken hatte ein alter Herr Platz genommen, der auch schon gute 60 gewesen sein mochte. Er erhob sich, als die alte Frau erschien, ein wenig mühsam und nötigte sie auf seinen Platz. Und dann fragte er den jungen Mann mit der Abgeklärtheit des Alters: »Sagen Sie, junger Freund, wie alt muß jemand sein, ehe Sie ihm Ihren Platz anbieten?« Der Gerechtigkeit halber muß berichtet werden, daß sich der junge Mann mit einer gemurmelten Entschuldigung erhob und sehr rot wurde. Und so ist wohl zu hoffen, daß künftige Erziehungsversuche bei ihm nicht mehr nötig sein werden.

Doch nicht nur im Wagen selbst, auch beim Aus-und Einsteigen können wir gute Lebensart demonstrieren. Herren lassen Damen grundsätzlich zuerst einsteigen, auch wenn sie nicht zu ihnen gehören. Dagegen steigt der Herr zuerst aus und ist seiner Dame behilflich, wenn sie ihm folgt. Und wenn er bei dieser Gelegenheit auch noch andere stützt, so schadet das nichts.

Wer auf der Plattform steht, wird auch einer wildfremden alten Dame oder einem gebrechlichen alten Herrn beim Einsteigen helfend unter die Arme greifen und nicht tatenlos zusehen, wie sich die alten Leutchen mühsam am Handgriff emporziehen.

Schließlich kann man auch dem Schaffner gegenüber höflich sein und ihm seine in den Stoßzeiten sicherlich nicht leichte Arbeit der Fahrscheinausgabe vereinfachen helfen, indem man das Fahrgeld möglichst abgezählt bereit hält und nicht erst nach mehrmaliger Aufforderung umständlich beginnt, aus der innersten Tasche seine Geldbörse zu ziehen. (Juristisch ist übrigens die Erstattung des Fahrgeldes eine sogenannte »Bringschuld«, das heißt, der Fahrgast ist verpflichtet, von sich aus einen Fahrschein zu lösen.)

Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 244 ff.

http://www.zeno.org/nid/20003609057

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

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