Bernhard Roetzel: Die Kurzen

Für alle, die glauben, dass meine Ablehnung von kurzen Beinkleidern im urbanen Raum und in der „Nicht-Freizeit“, denn nur darum ging es, sei ein 1950er Jahre Ding, denen möchte ich einen kurzen Auszug aus Bernhard Roetzels 2. Auflage von „Der Gentleman“ zitieren.

Ganz gleich wie schön Ihre Beine sind, ganz gleich ob alle anderen auch Shorts tragen, ganz gleich wie heiß es ist: Kurze Hosen sind und bleiben stilistisch zweifelhaft und haben außerhalb von Ferienorten, Strandbädern und Privatgrundstücken eigentlich nichts zu suchen. […]. In Südafrika, Neuseeland oder Australien werden dazu Kniestrümpfe und knöchelhohe Schnürstiefel getragen – zum Schutz gegen Zecken und im Gras lauernde Giftschlangen. […]

Den vollständigen Artikel finden Sie bei: Bernhard Roetzel, Der Gentleman : Handbuch der klassischen Herrenmode, Aktualisierte Neuausgabe, Potsdam 2012. Katalog der DNB, (Amazon)

Dem interessierten Leser empfehle ich auch Herrn Roetzels Blog, der hier kurzweilig über Herrenmode bloggt, ohne ein Fashionblogger zu sein.

Bevor Jugend, so wie wir sie kennen, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts von den Reformbewegungen im Kaiserreich erfunden wurde, waren junge Menschen bestrebt den Erwachsenen in Kleidung und Habitus nachzueifern, da Jugend an sich nichts galt und dem Alter der Vorrang der Würde zustand. Wer sich immer schon wunderte warum 1912 schon Jünglinge Bärte trugen: Genau aus dem Grunde, dass man mit Bart älter, reifer, würdevoller wirkte (der Hipster-Vollbart hat jedoch andere Gründe).

An dieser Stelle soll natürlich kein Vortrag über die Geschiche der Reform- und Jugendbewegung gehalten werden, aber im Grunde war es noch in der Nachkriegsgeneration so, dass Knaben sich in Kleidungsfragen an den Vätern orientierten. Heute ist es ja eher so, dass erwachsene Männer oftmal die Kleidung Ihrer achtjährigen Söhne auftragen – das würde auch die “Erfindung” der 3/4-Hose erklären.

Generell stellt sich ja die Frage nach dem Grund, warum wir nun seit einigen Jahrzehnten meinen uns mit Mitte Vierzig wie dreijährige zu kleiden? Bestimmte Dinge gab es schon immer und es ist natürlich auch ein Irrtum zu glauben, dass früher alles besser war, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir in einer Zeit der “Infantilisierung der Herrenmode” und einer allgemeinen Verfreizeitung leben. Überall und zu allen Anlässen treffen wir Menschen in Kleidung, die noch vor wenigen Jahren dem Sport vorbehalten war.

Es ist natürlich auch richtig, dass wir nun nicht mehr in den 1950er Jahren sind und auch damals gab es schlechtgekleidete Menschen. Die wird es immer geben. Aber gab ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Frage “Was geht und was geht nicht”. Dass erwachsene Männer (Herren möchte ich gar nicht sagen) die Kleidung ihrer Söhne im Kindergarten- und Grundschulalter nachahmen, geht eben nicht. Es ist mitnichten ein Ausdruck von Jugendlichkeit, vielmehr scheint es mir Ausdruck tiefer Verunsicherung zu sein und der Wunsch nach dem sicheren Gefühl aus Kindertagen. Dass man sich ab einem bestimmten Alter der Lächerlichkeit preis gibt, wird gerne übersehen. Wenn sich langsam alternde Damen betont jugendlich kleiden und aufmachen, sagt der Volksmund ja auch: “Hinten Lyzeum und vorne Museum”. Meine Herren: Das gilt auch in der Herrenbekleidung und bedenken sie, den meisten Kindern ist es peinlich, wenn Eltern und Großeltern flippig und betont jugendlich sind.

In diesem Sinne. Guten Morgen Berlin.

 

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

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