Der gute Ton im ÖPNV. Teil III: 1907

Es freut mich sehr, dass ich für den dritten Teil von „Der gute Ton im ÖPNV“ einen Text aus dem Jahr 1907, dem Geburtsjahr meiner beiden seligen Großväter, gefunden habe. Hurra!

Über die wichtige Verkehrspflicht, überall Passagen und Zugänge möglichst schnell frei zu machen, habe ich mich bereits ausführlich ausgesprochen; meine jüngsten Erlebnisse auf unserer herrlichen Berliner Hochbahn […] veranlassen mich, meinen früheren Auslassungen noch einiges zuzufügen.

hochbahnberlin

Die Schnelligkeit im Verkehr der Hochbahn muß das Publikum beim Ein- und Aussteigen nach Kräften unterstützen. Wer aussteigen muß, suche sich kurz vor dem Halten des Hochbahnwagens in die Nähe des Ausganges zu begeben, indem er sich mit erhobenem Arm an der hierzu an der Decke angebrachten Vorrichtung festhält. Kleinere Herren und Damen werden sich an den senkrechten Messingstangen festhalten. Der gesunde Menschenverstand erfordert es. daß das Aussteigen zuerst zu erfolgen hat, um so für neu einsteigende Fahrgäste möglichst Platz zu schaffen. Namentlich bei starkem Verkehr müssen die Einsteigenden, wenn sie keinen Sitzplatz mehr finden können, möglichst schnell und weit in der Richtung auf die Mitte des Hochbahnwagens vorgehen. Der Gesellschaftsmensch, auch der herkulisch Veranlagte, wird hierbei nur in äußerster Not gewaltsam drängen, er wird es zunächst mit friedlichen Mitteln versuchen, z.B. mit den Worten »Bitte, noch etwas weiter zu gehen!« Diese oder eine ähnliche Aufforderung wird man nach den Umständen sowohl durch den Ton der Stimme als auch durch geschmackvolle Beiworte, wie »freundlichst«, »gütigst« noch höflicher zu gestalten suchen. Das höchste Maß von Höflichkeit bei einer solchen Bitte ist wohl folgende Fragestellung, z.B. »Würden Sie die Gnade haben, usw.?« Diese Wortfassung ist in der vornehmsten Welt sehr gebräuchlich, z.B. bei großem Alters- oder Rangunterschied oder namentlich im Verkehrston eines jungen Herrn mit einer altehrwürdigen Dame. Viele Herren halten den Ausdruck »Gnade« nur in diesem letzteren Falle für zulässig und markieren ihre Ergebenheit gegenüber bedeutend älteren oder höher gestellten Herren durch Ausdrücke wie »Güte« oder »große Güte«. Aber es geht natürlich überhaupt, auch altehrwürdigen Damen gegenüber, ohne »Gnade«; und wer auch in nebensächlichen Dingen, wie in Höflichkeitsphrasen, den Standpunkt des freien und stolzen Mannes wahren zu müssen glaubt, hat natürlich von diesem Standpunkt auch Recht, wenn er selbst die älteste weibliche Exzellenz nicht um diese oder jene »Gnade« bittet.

Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 1907, S. 408 ff.
http://www.zeno.org/nid/20003825981

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

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