Wacholderschnaps und Veilchenduft.

H.M. The Queen Mother by Allan Warren (Bearbeitung)

Eine Redewendung, deren Urheber ich nicht wirklich ermitteln kann sagt:

„Alle Übertreibungen sind von übel und dem Herrn ein Dorn im Auge“.

Seit ein paar Jahren ist nun Gin Tonic – oder wie man wohl heutzutage sagt „Gin and Tonic“ – in aller Munde. Aber nicht einfach nur als wohlschmeckendes alkoholisches Mischgetränk, das vor allem auch der Malariaprophylaxe dient, das wäre zu simpel.

Nach dem unsäglichen „Wir-reden-beim-Essen-über-das-Essen“-Trend mit all seinen Absurditäten einer gelangweilten Überflussgesellschaft, der schlürfenden-kauenden-schmatzenden-gurgelnden Weindegustation, dem Besuch beim Wassersommelier hat nun der nach Abgrenzung suchende urbane Leistungsträger den Gin für sich entdeckt.

Es hätte schlimmer kommen können, aber es hat wenig mit Genuß und Lebensfreude zu tun in blasierter Klugscheißerei Aromen herunterzubeten und sich über Kohlensäure in chininhaltiger Limonade auszulassen. Auch ist es weder nonchalant, noch zeugt es von gutem Stil, mit angelesenem oder durch übermäßigen Alkokolkonsun anertrunkemen Halbwissen über Genußmittel zu dozieren. Ganz sicher, das Leben ist zu kurz, um schlechte Produkte zu konsumieren.

Genuß wird im Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 572-573 wie folgt definiert:

„Der Zustand, da man eine Sache mit Anmuth empfindet. Der Genuß der Freude, der Ruhe, der Glückseligkeit seines Zustandes. Die Seligkeit des Menschen bestehet in dem Genusse Gottes und seiner Vollkommenheiten, in der anschauenden Erkenntniß des Guten in Gott. Das Angenehme hört immer durch den allzu langen Genuß auf, angenehm zu seyn.“

Anmut, Freude, Ruhe, Glückseligkeit. Kein Wort von dozierendem Zerreden und blasiertem Chichi Chuchu. Trinken Sie Wacholderschnaps mit bitterer Limonade gerade wie es Ihnen gefällt. Aber reden sie bitte nicht permanent darüber.

Alexander Grau schrieb im Juli 2014 im Cicero:

„Die selige Queen Mum hätte über diese teutonischen Kompositionen wahrscheinlich gütig gelächelt und zu ihrem geliebten „Booth Gin“ gegriffen. Cheers und – lang lebe die Königin!“

Besonder schön ist der Lexikoneintrag zu Gin in Pierer’s Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 153. Da heißt es:

„Genièvre (Genèvre, Gin), mit Wachholderöl vermischter Branntwein; wird als harntreibendes Mittel gebraucht; es ertheilt dem Harn einen Veilchengeruch.“

Wer Gin trink spart den Klostein. In diesem Sinne: Guten Abend, Berlin.



 

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

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