So schnell wird man Migrant.

Eigentlich wollte ich mich nicht mehr zu politischen Themen äußern, aber manchmal muß man auch Vorsätze Vorsätze sein lassen.

Zweifelsohne ist es wichtig und gut, dass es eine breite Debatte über das Thema Migration gibt. Es ist auch gut, dass in der letzten Zeit eine Menge Papier mit Ideen zum Thema schwarz gemacht wurde. Umso mehr hat es mich geärgert, dass ausgerechnet die Einleitung des Papiers der Gruppe CDU2017 um den hochgeschätzten Abg. Jens Spahn mich urplötzlich zum Migranten macht und eigentümliche historische Ansichten verbreitet.

Aber lesen Sie selbst die erste der zehn Thesen zur aktuellen Debatte zur Einwanderung als Ergebnis des dritten Treffens am 01. und 02. März 2015 in Berlin:

1. Deutschland ist seit jeher ein Einwanderungsland
Was über Jahre so deutlich nicht ausgesprochen und teilweise geradezu geleugnet wurde, ist in Wahrheit seit Jahrhunderten Realität. Jeder fünfte Berliner Bürger um 1700 war ein französischer Hugenotte, mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts kamen auch Hunderttausende Polen nach Berlin und ins Ruhrgebiet. Darüber hinaus mussten nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen von Heimatvertrieben in beiden deutschen Gesellschaften integriert werden – eine großartige Integrationsleistung auf beiden Seiten. In den sechziger Jahren folgten die Gastarbeiter. Nach der deutschen Einheit schließlich kamen von Ost nach West Millionen von Russlanddeutschen und anderen deutschen Minderheiten aus dem ehemaligen Ostblock zu uns. Darüber hinaus haben in den letzten Jahrzehnten Hunderttausende, die als Asylbewerber oder Flüchtlinge kamen, ihre Heimat hier gefunden. Derzeit ist Deutschland nach den USA das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt, weit über eine Million Menschen haben sich 2014 entschieden, nach Deutschland zu kommen. Das ist enorm. Und eigentlich ein gutes Zeichen.

Dass im 1700 20% der Berliner Bevölkerung französiche Religionsflüchtlinge waren, kann man nicht wirklich als Migration nach Deutschland bezeichnen, da die Hugenotten nach Preußen einwanderten. Auch die Böhmischen Brüder wanderten nicht nach Deutschland sondern nach Sachsen oder in die Mark Brandenburg und die Salzburger Exulanten zogen im 18. Jahrhundert auch nicht nach Deutschland sondern nach West- und Ostpreußen.

Die Polen, die im Zuge der Industrialisierung nach Berlin und an die Ruhr zogen, waren auch keine echten Migranten, da sie in der Regel preußische Staatsangehörige waren und in die preußische Haupt- und Residenzstadt Berlin bzw. in die preußische Rheinprovinz bzw. die preußische Provinz Westfalen zum Arbeiten gingen. Wenn Schwaben in Berlin arbeiten oder Mitteldeutsche in den alten Bundesländern arbeiten und Leben, käme auch niemand auf die Idee von Migraten zu sprechen.

Die 12 bis 14 Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in den bunten Einwanderertopf zu werfen, ist schon ein wenig eigenartig. Meine Familie war mannigfaltig von Flucht- und Wanderungsbewegungen betroffen, aber das führt hier zu weit, dennoch waren wir 1945 Flüchtlinge und keine Einwanderer. Ich bin 30 Jahre nach Kriegsende geboren und kann mich noch ganz gut daran entsinnen, dass ich als Kind eines in Schlesien geborenen Vaters und einer siebenbürgischen Mutter lange Zeit der „Sohn von dem Flüchtling, der die Ausländerin geheiratet hat“ war. Selbst der verknöchertste Oberhesse in meinem „Heimat“-Dorf würden das heute nicht mehr laut sagen, und nun macht mich eine Thesenpapier einer CDU Gruppe 70 Jahre nach Kriegsende nicht nur zum Flüchtling, sondern zum „Einwanderer“. Vielen Dank.

Ebenso verwundert es mich, dass Aussiedler der deutschen Minderheiten im ehemaligen Ostblock nun plötzlich auch Einwanderer sind. Der Nürnberger Rechtsantwalt Dr. Johann Schmidt schrieb zu dem Thema in der Siebenbürgischen Zeitung vom 5. Februar 2015: „[…] Korrekt wäre es nach diesseitiger Rechtsauffassung unter Bezugnahme auf Art. 116 Abs. 1 GG und die dort festgelegte Definition für den Begriff „Deutscher“, alle Flüchtlinge und Vertriebene – unabhängig von ihrem Zuzugsdatum – nicht als „Migranten“ zu bezeichnen. Hierfür spricht auch die Tatsache, dass dieser Personenkreis Aufnahme durch das Bundesvertriebenengesetz (BVFG) und das Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG) gefunden hat und heute noch findet, während der andere Personenkreis, der nach Deutschland zuzieht nach Ausländer- oder Asylrecht behandelt wird. Dass auch eine entsprechende statistische Erfassung gesondert möglich ist, resultiert auch daraus, dass die (Spät-)Aussiedleraufnahme personenbezogen beim Bundesverwaltungsamt (BVA) in Köln stattfindet. […]“. Meine Mutter kam 1970 in die Bundesrepublik und war für die oberhessischen Eingeborenen viele Jahrzehnte „Die Rumänin“ oder „Die Ausländerin“ und wird nun 45 Jahre nach ihrer Ankunft in der Bunderepublik erneut zur „Einwanderin“ gemacht. Vielen Dank.

Da glaubte ich nach fast 40 Jahren, nicht mehr der „Sohn von dem Flüchtling, der die Ausländerin geheiratet hat“ zu sein, eine Bezeichnung, die ein bitterer Beigeschmack meiner eigentlich schönen Kindheit war. Ich glaubte, das Stigma wäre mit Zeitablauf geheilt und nun bin ich plötzlich auch der Abkömmling von Einwanderern.

Ich möchte gar nicht sagen, dass mich das traurig gemacht hat. Das klingt so nach Mimimi. Ich bin eigentlich enttäuscht und sauer, stinksauer. Alles redet von Willkommenskultur und dann werden wir 70 Jahre nach Kriegsende zum Einwanderer gemacht. Ich bin kein Einwanderer und wenn ich mich beruhigt habe, lese ich auch den Rest von dem Papier. Versprochen.

 

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

3 Kommentare

  1. Wie so häufig bei Zeitgeistrhetorik ist das Gutgemeinte unbefriedigend. Fremdheit konstruieren, um Zugehörigkeit neuer Fremder konstruieren zu können.

  2. Pingback: “Du Flüchtling” | Bahngezwitscher

  3. Meines Wissens gibt es durchaus den Begriff der „Binnenmigration“, wenn jemand die Bundesländer gewechselt hat.

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