„Du Flüchtling“

Der Deutsche – was immer das auch heißt – hat schon immer ein Problem mit Flüchtlingen gehabt. In der Gegend in der ich aufwuchs war „Du Flüchtling“ ein geläufiges Schimpfwort und meine persönlichen Erlebnisse hierzu können Sie hier nachlesen: So Schnell wird man Migrant.

Als 1944/1946 die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten in die Westzonen kamen, empfing die aufnehmende Bevölkerung die „Polaken“ – wie sie beispielsweise die Schlesier nannten – mit tiefem Haß und Verachtung.

Die Wirtschaftsflüchtinge die 1989 aus der Ostzone kamen, waren in der westdeutschen Bevölkerung – allen Sonntagsreden zu 25 Jahre Einheit zum Trotz – nicht wirklich beliebt.

Ob „Polake aus Schlesien“, „Ossi aus der Zone“, „Zigeuner vom Balkan“ oder „der Neger“! Der Deutsche mag keine Fremden, hat er noch nie gemocht. Vielleicht liegt das daran, dass der „Deutsche“ gar nicht sagen kann, was sein „Deutschtum“ ausmacht und er als verspätete Nation immer einen gewissen Minderwertigkeitskomplex hat, der ganz schnell in irrationalen Haß umschlagen kann.

Und viele von denen, die man heute mit dem Euphemismus „Asylkritiker“ belegt, sind bestimmt selber Flüchtlinge oder Heimatvertreibene in der zweiten oder dritten Generation.

Was heißt eigentlich Flucht und Vertreibung? Der Tatbestand „Flucht und Aus(Ver)treibung“ liegt vor, wenn Menschen ihren Wohnsitz verlassen und sich in Gebiete begeben, die außerhalb des den Wohnsitzwechsels erzwingenden Staates liegen.[1] Von „Flucht“ spricht man, wenn die angestammte Bevölkerung durch Tun oder Unterlassen der örtlichen Machthaber gezwungen wird, ihre Heimat zu verlassen; für die „Vertreibung“ ist der behördliche Ausweisungsbefehl charakteristisch.[2] Im internationalen Flüchtlingsrecht wird z.B. Schutz nur dem internationalen Flüchtling gewährt, zwischen Flüchtling und Vertriebenen wird nicht mehr unterschieden, da dies aus praktischen Gründen und ohne die Einführung von Werturteilen nicht möglich wäre.[3]

wanderung

Die erste bekannte Fluchtbewegung meiner Familie war um 1428, nachdem in den Hussitenkriegen die Lebensgrundlage in Schlesien vernichtet wurde, wanderte meine Familie nach Sachsen. Als dort 1539 die Reformation eingeführt wurde, flüchtete die Familie „aus löblichem katholischen Religionseifer“ zurück nach Schlesien. Im Dreißigjährigen Krieg wurde beim ersten Einfall der Schweden in Schlesien das Vermögen durch Plünderung und Brandschatzung nachhaltig vernichtet, dies führte aber zu keine nenneswerten Wanderungsbewegung, ebenso wie die verlorenen Kriege um Schlesien 1740-1763. Versetzungen und Arbeitsortwechsel innerhalb des Gebietes des Heilgen Römischen Reiches, des Kaiserthum Österreichs und Preußens sind keine Migration. Erst 1944/45 flüchtete meine Großmutter mit meinem Vater aus Schlesien in die Westzonen. Der Flüchtlingsausweis meiner Großmutter befindet sich in der Dauerausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr.

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Die Familie meiner Mutter wanderte 1840 als Wirtschaftsflüchtlinge aus Oberschlesien nach Siebenbürgen und meine Mutter reiste nach der Eheschließung mit meinem Vater 1970 in die Bundesrepublik aus, meine Großeltern folgten 1972.

Und wann sind Sie das letzte Mal geflüchtet und aus welchen Gründen?

Mit besten Grüßen bin ich
Ihr
“Sohn von dem Flüchtling, der die Ausländerin geheiratet hat”


[1] Blumenwitz (1995): S. 43.
[2] Blumenwitz (1995): S. 44.
[3] Kimminich (1962): S. 21ff.

Literatur:

  • Blumenwitz, Dieter (Hg.): Recht auf die Heimat im Zusammenwachsenden Europa. Ein Grundrecht für nationale Minderheiten und Volksgruppen, Frankfurt/Main 1995, S. 41-64 (zit.: Blumenwitz (1995): S.).
  • Kimminich, Otto: Der internationale Rechtsstatus des Flüchtlings Köln 1962 (zit.: Kimminich (1962): S.).
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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

2 Kommentare

  1. Es grüßt ein Kind von Flüchtlingen in beiden Familienlinien, mit einem Mann verheiratet, dessen Eltern ebenfalls in beiden Linien Flüchtlinge waren. Gemeinsam sind wir (bundeslandbezogene) Wirtschaftflüchtlinge, die dem guten Job hinterher gezogen sind, und vor wenigen Jahren war ich dann noch Bildungsflüchtling in der Fernuni, weil die hiesige Uni mein mitgebrachtes Abi zu schäbig fand.

  2. Pingback: Der Pass ist keine Garantie. | Bahngezwitscher

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