60 Jahre Bundeswehr. Ich hab gedient.

Zugegeben: Mein Start in den Streitkräften war ein wenig holprig und schon am ersten Tag stand die Frage im Raum: Wo biste denn hier gelandet?

Aber zurück zum Anfang. Die Frage Bundeswehr oder Zivildienst hatte sich bei mir nie gestellt. Es war für mich immer klar, daß ich Soldat werde. Nun kam die Wehrerfassung, die Musterung mit T2 am Kreiswehrersatzamt (KWEA) in Fulda und dann die sog. Eignungs- und Verwendungsprüfung, kurz: EVP, in Stadtallendorf. Der Stiefvater eines Schulkameraden war der durchführende Stabsfeldwebel und der Satz: „Wenn ihr euch hier nicht anstrengt, dann landet ihr als Rödelschweine bei den Panzergrenadieren!“ hat sich mir bis heute eingebrannt. So legte man sich ins Zeug und wartete voller Sehnsucht auf den Einberufungsbescheid und hoffte auf eine heldenhafte Operettenverwendung. Der Bescheid ließ auf sich warten und der betreffende Stabsfeldwebel riet mir, ich solle doch mal beim KWEA anrufen. Ich tat wie mir geheißen und dann teilte mir der Bearbeiter am Fernsprecher mit, dass ich als Kraftfahrer BCE zur 4. Kompanie beim Panzergrenadierbataillon 391 in Bad Salzungen (Thüringen) einberufen wurde. Adieu heldenhafte Operettenverwendung. Lasterfahrer bei den Heckklappensurfern, Stoppelhopsern, Panzergranulat. Was hatte ich falsch gemacht? Ich weiß es bis heute nicht, aber ich bin froh, daß ich Grenadier wurde.

Am ersten Tag, lief alles so, wie man das aus den Erzählungen der Älteren kannte. Nur Gott sei Dank war ich in einer ehemaligen modernisierten NVA-Kaserne untergebracht. Vier-Mann-Stuben, Kabelanschluß und 1A Sanitäranlagen. Mein Gruppenführer war ein junger Fahnenjunker aus Neufünfland und der Zugführer, ein junger Leutnant, kam aus der Fuldaer Ecke. Nachdem nun die Ausrüstung empfangen wurde, Betten gebaut und der Verwaltungskram erledigt war, baute mein Zugführer meinen Spind als Musterspind auf. So weit, so abstrus, denn abends kam der Gruppenführer zur Spindkontrolle auf Stube 410 und als er meinen Spind sah brüllte er los: „Welcher Idiot hat diesen Spind eingeräumt?“ Als ich darauf antwortete: „Der Herr Leutnant, Herr Fahnenjunker!“ Erstarrte dieser kurz, drehte sich um und sagte: „Naja, so kann man es auch machen. Ohne Meldung!“ Und dann ließ er uns zurück. Stube 410 mit vier Mann belegt, vier Mann anwesend, vier Mann irritiert! Naja, da war die Frage, wo man den hier gelandet sei schon berechtigt.

2015-11-12 Bundeswehr 1

Aber die Bundeswehr hat mir viel beigebracht, ich habe ich viel zu verdanken. Ich bin körperlich an meine Grenzen gekommen und musste sie überwinden. Ich habe mit Menschen auf engstem Raum gelebt, denen ich im zivilen Leben nie begegnet wäre. Ich habe gelernt mit den unterschiedlichsten Charakteren, mit den unterschiedlichsten Herkunften, Religionen, politischen Ansichten etc. friedlich zusammen zu leben und zusammen zu dienen. Ich habe echte Toleranz gelernt und nicht diese gutmenschenhafte Pseudotoleranz. Ich habe gelernt geradeaus zu marschieren: Nicht schlendern, nicht schlurfen, nicht stolpern, nicht spazieren. Nein: Marschieren! Ich habe gelernt in schwierigen Situationen Entscheidungen zu treffen. Diese Entscheidungen müssen nicht immer richtig sein, aber: Wenn schon Scheiße, dann mit schwung!

Ich habe auch negative Erfahrungen gemacht, aber wer macht die nicht. Wo Menschen leben und arbeiten gibt solche und solche und das Leben in der militärischen Gemeinschaft ist schon sehr speziell. Aber es hat mehr Vor- als Nachteile. Ich bin der Bundeswehr und den Kameraden sehr dankbar.

Ich bin als Reservist dabei geblieben. Ich machte im Frühjahr 1998 meinen Unteroffizierlehrgang Reserve in Koblenz und im Sommer 1998 meine Reserveoffizieranwärtereigunungsübung in Bad Salzungen. Ich war von 1997 bis zur Auflösung 2006 beim Heimatschutzbataillon 56 „Hessische Infanterie“ in Gießen beordert und verdanke unserem aktiven Paten- und Betreuungsbataillon, dem Panzergrenadierbataillon 52 in Rotenburg an der Fulda, viel. Mein Kompaniechef in der 2./- hat mir keine der geforderten Allgemeinen Tätigkeitsnachweise (ATN) mit Handauflegen verliehen, ich habe mir die alle erdienen dürfen und durfte die Kompanie für meine Ausbildung zum Reserveoffizier auf vielen Truppenübungsplatzaufenthalten begleiten. Ich habe meine Panzergrenadierunteroffizier-ATN, meine Richtschützen-, die Kommandanten-ATN auf Truppenübungsplätzen absolviert. Meine sog. AAP (Ausbildung am Arbeitsplatz) Panzergrenadierzugführer fand in der Oberlausitz statt. Eine echte Herausforderung. Ich bin den Kameraden von 52 sehr dankbar, für die Kameradschaft, für die Gleichbehandlung als Soldat und den Unteroffizieren danke ich, daß sie mich als Offizieranwärter außerhalb des Wehrdienstes als vollwertigen Soldaten und nicht nur als halbzivilen Zauberlehrling behandelten.

Nach einer fordernden Ausbildung zum Panzergrenadierzugführer folgte eine spannende Zeit an der Offizierschule des Heeres in Dresden und im September 2002 wurde ich zum Leutnant befördert.

© 2006 Magistrat der Stadt Hessisch Lichtenau, hessentag2006.de

© 2006 Magistrat der Stadt Hessisch Lichtenau, hessentag2006.de

Nach einer wunderbaren Zeit im Heimatschutzbataillon 56 als Jägergruppenführer, Jägerzugführer und Kompanieeinsatzoffizier wurde unser Bataillon aufgelöst und ich ging, so wie viele in die neugeschaffenen Kreisverbindungskommandos. Erst Marburg-Biedenkopf, dann Dresden. Zuletzt war ich Kompaniechef einer nichtaktiven Panzergrenadierkompanie in Pommern.

Ich wünsche der Bundeswehr alles Gute zum Geburtstag und verbleibe mit einem dreifachen:

Panzergrenadiere! Dran – Drauf – Drüber und Horrido – Joho!

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

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