Der Pass ist keine Garantie.

Landauf, landab liest und hört man viel über Loyalitäten, Staatsangehörigkeiten und Reisedokumente. Als im Jahr 2000 das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von der rot-grünen Bundesregierung geändert wurde, war 1998/99 schon allen Beteiligten klar welche Motivation dahinter stand. Es ging der SPD damals nicht um Integration, sondern um die Generierung von neuen Wahlberechtigten, da unter den damals ca. 2,5 Millonen Türken in der Bundesrepublik etwas mehr als 60% die SPD wählen würden (vgl. Wüst 2003). Bei potenziell ca. 1,5 Millionen zusätzlicher Wählerstimmen wird auch gerne einmal ohne Verstand entschieden. Positiver Nebeneffekt der damaligen Debatte ist ja, daß seit 1999 im roten Hessen die CDU regiert – vielleicht sollten die Genossen darüber mal Nachdenken.

Nun sprach man fröhlich weiter über Integration und meinte Wählergenerierung. Als die CDU vor einigen Jahren auf diesen Zug aufsprang war der Verlust von Mitgliedern und brachliegendes Potential in der sog. Türkischen Community wohl auch die Hauptmotivation.

2006 wurde dann auch der sog. „Deutsche Integrationsgipfel“ ins Leben gerufen, wobei das Wort etwas irreführend ist, denn eigentlich war und ist es ein Türkisch-Deutscher Inlandsgipfel, da Migranten aus Asien, Schwarzafrika oder dem Balkan gar nicht vertreten sind. Auch Perser die nach der Iranischen Revolution in die Bundesrepublik kamen, sind nicht vor Ort oder Teil der Debatte. Ebenfalls gibt es seit 2016 die „Deutsche Islamkonferenz“. Es gibt aber keine „Deutsche Hinduismuskonferenz“ und keine „Deutsche Buddhismuskonferenz“ und so weiter. Aber das führt jetzt zu weit.

Der Generalsekretär der CSU, Andreas Scheuer, hat vollkommen recht wenn er sagt: „Der deutsche Pass ist kein Ramschartikel, den man als Zweitpass mal noch so mitnimmt.“ Und er stellt weiter fest: „Völlig daneben sind Forderungen der Grünen, jedem in Deutschland geborenen Kind automatisch den deutschen Pass zu geben, egal ob die Eltern einen Tag oder zehn Jahre in Deutschland leben.“ (Den vollständigen Beitrag finden sie hier.)

Meine Mutter pflegt zu sagen: „Eine Kuh, die im Reitstall geboren wurde, ist noch lange kein Rennpferd.

Im Grunde steht hinter der Debatte die Fragen wer ist Deutscher und vor allem was ist überhaupt deutsch?

Als verspätere und künstliche Nation, mit einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex und dem Hang von einem Extrem ins andere zu schlagen, ist „der Deutsche“ schwer zu definieren. Auch wenn das viele Linke weit von sich weisen und ablehnen, der „Deutsche“ definiert denkt seit alters her in Stämmen und definiert sein „Deutschsein“ über Abgrenzung zu den „Nicht-Deutschen“. Viele die mit dem abwertenden Begriff „Biodeutsche“ belegt sind, sind in erster Linie Bayern, Westfalen, Oldenburger, Holsteiner, Hessen, Waldecker, Franken … Diese Reihe kann man beliebig ergänzen und ist geprägt durch die deutsche Kleinstaaterei, die damals progressive linke Kräfte durch die Bildung eines Nationalstaats überwinden wollten. Der Staat kam – nicht von unten, sondern durch Blut und Eisen von oben – doch die Kleinstaaterei ist in Gedanken und Herzen geblieben. Berufliche Mobilität verwässerte die Stammesstruktur. Aber im Kern bleibt das Stammesdenken auch beim Umzug in ein anderes Stammesgebiet erhalten. Selbst 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Stämme in den ehemaligen Ostgebieten, Deutschböhmen, Deutschmährer und Schlesier, die Volksdeutschen in Südosteuropa und der ehemaligen UdSSR am Leben und relativ präsent im Denken. [Daß die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten nicht so glatt verlief, wie einen viele Glauben machen, thematisierte ich bereits an anderer Stelle.] Deutsche sind die meisten Deutschen beim Sport – vorzugsweise beim Fußball – und im Ausland.

Wir können ziemlich genau sagen was „nicht-deutsch“ ist. Bei der Frage was deutsch ist, bzw. wer Deutscher ist, tun wir uns recht schwer. Nun kommt meist die Deutsche Sprache, aber das funktioniert nicht. Bei Wikipedia heißt es im Artikel Deutsche Sprache: „Gesprochen in Deutschland, Österreich, Liechtenstein, dem deutschsprachigen Teil der Schweiz, Luxemburg, Südtirol (Italien), der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, dem Elsass und dem östlichen Lothringen (Frankreich) sowie von Minderheiten in zahlreichen weiteren mittel- und osteuropäischen Staaten (vor allem um Oppeln und in Siebenbürgen), in Zentralasien sowie im südlichen Afrika (neben Namibia auch Südafrika) und Auswanderern in Übersee (insbesondere auf dem amerikanischen Kontinent)

Spannend ist hier der Artikel in faz.net von Thomas Petersen zur Allensbach-Umfrage mit dem Titel: „Der deutsche Pass ist nicht genug. Was braucht es, um Deutscher zu sein?“ vom am 22. September 2016.

Nun werden ganz gerne mal in Verbindung mit der Frage was „deutsch“ sei, alle sog. preußischen Sekundärtugenden genannt. Aber mit Blick in die Leistungsfähigkeit und -bereichtschaft der ehemaligen „Haupt- und Residenzstadt des Deutschen Reiches und des Königreichs Preußen“ so anschaue, dann sind das historisierende und nostalgische Zuschreibungen, die heute eher für polnische Handwerker gelten, als für den Deutschen an sich.

Was zum „Leben in Deutschland“ gehört scheint dagegen relativ klar zu sein. Weihnachtsmärkte, Fußball, die große Auswahl an Wurst- und Brotsorten. Irgendwie auch Pizzarien und Dönerbuden aber keine Moscheen, auch wenn man das dem Deutschen ganz gerne weismachen möchte.

wasgehort

Die Frage, ob „deutsch sein“ vor allem eine Frage der Staatsangehörigkeit und der Haltung ist oder doch etwas mit Kulturtradition und Herkunft zu tun hat beantworten die Deutschen relativ klar über alle Zonengrenzen hinweg.

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Für die Deutschen ist zwar nicht ganz klar, was „deutsch sein“ ist, aber es ist für die meisten eben nicht der viel beschworene „Verfassungspatriotismus“, der dahingehend problematisch ist, da er unser Grundgesetz quasi religiös überhöht. „Deutsch sein“ definiert sich über Herkunft – also über die Stämme (auch wenn das keiner sagt) – und über die gemeinsame Tradition.

Im deutschen Reisepass und Personalausweis (der kein Nachweis über die Staatsangehörigkeit ist) steht nicht etwa „Bundesrepublik Deutschland“, „Deutschland“ oder „deutscher Staatsangehöriger“ sondern das Adjektiv „deutsch“.

Alles nicht so einfach. Ich bin gespannt, wie das weiter geht und sich entwickelt.

 

 

 

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Über lampersdorff

Politikwissenschaftler und Historiker. Irgendwas mit Bundeswehr und Ministerialbürokratie.

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